San Franciscos Open Data Bewegung in Schweizer Städteplanung angekommen

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Sind ÖV-Nutzer in Genf frustrierter als in Zürich? Sind Quartiere mit wohlhabenden Einwohnern besser an den öffentlichen Verkehr angebunden als ärmere Stadtviertel? Solche Fragen lassen sich mit Zugang zu den richtigen Daten relativ einfach beantworten. Dies zeigen Veranstaltungen wie die Urban Data Challenge. Die letzte fand zeitgleich in San Francisco, Zürich und Genf statt. Die Teilnehmer verglichen Daten zum öffentlichen Verkehr der drei Städte. Solche Anwendungen auf der Basis von offenen Daten sind mehr als blosse Spielereien: Sie könnten in der Schweiz die Städteplanung verändern.

Hackathons werden diese Wettbewerbe auch genannt. Die Teilnehmer, oftmals Studenten, bekommen offene Datensätze und sollen daraus in kurzer Zeit nützliche Anwendungen und Datenvisualisierungen erstellen. Die Basis sind meistens offene Daten – Open Data. Als offen gelten Daten, die allgemein verfügbar, zugänglich und maschinenlesbar sind, und von jedermann frei verwendet und verbreitet werden können.

Open Data bezeichnet nicht nur ein Konzept, sondern eine weltweite Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass Daten öffentlich zugänglich gemacht werden – ob zum Wetter, zu Finanzen oder eben zum Verkehr. Den Kern bilden offene Verwaltungsdaten, auch Open Government genannt. Mehr als 50 Länder haben sich mittlerweile der Open Government Partnership angeschlossen. Die EU, die OECD, die Weltbank und weitere internationale Organisationen haben Open-Data-Projekte gestartet.

Fleissiges Codieren: Teilnehmer des Urban Data Hackathons von swissnex San Francisco

swissnex San Francisco

Fleissiges Codieren: Teilnehmer an einem Urban Data Hackathon von swissnex San Francisco.

Einer, der diese Entwicklungen in der Schweiz vorangetrieben und mitgeprägt hat, ist André Golliez. Mit dem Beratungsunternehmen itopia, das sich selbst als erste Open-Data-Beratungsfirma der Schweiz bezeichnet, hat er die Open-Data-Initiativen des Bundes, der Stadt Zürich und verschiedener Kantone unterstützt und begleitet. Für den Spezialisten in IT-Governance gibt es viele Gründe für eine Verwaltung, ihre Daten offen zu legen.

„Die Öffentlichkeit hat einen grundsätzlichen Anspruch auf diese Daten“, sagt Golliez. „Und zwar per se – als staatspolitisches Prinzip.“ Schließlich bezahlten die Bürger mit ihren Steuern für die Erhebung und Verwaltung der Daten. Ein zweiter Aspekt sei das wirtschaftliche Potenzial. „Dass Daten Ressourcen sind, weiss man ja mittlerweile“, so Golliez, und die Anwendungsfelder seien weit – vom Verkehr, über Energie, Bildung, Infrastruktur bis hin zur Kultur.

André Golliez von itopia.

Student Reporter / Sandro La Marca

„Die Öffentlichkeit hat einen grundsätzlichen Anspruch auf diese Daten“, meint André Golliez von itopia.

Eine Studie von McKinsey schätzt den weltweiten wirtschaftlichen Mehrwert, der durch die Nutzung von Open Data generiert werden könnte, auf mehr als drei Milliarden US-Dollar pro Jahr. Nur wisse die Verwaltung oft selbst nicht, über was für Datenschätze sie verfügt, sagt Golliez. „Eine Offenlegung erleichtert den Austausch von Daten, zum Beispiel zwischen den Gemeinden, den Kantonen und dem Bund. Das steigert die Effizienz der öffentlichen Verwaltungen.“

Als Pionier im Bereich Open Data gilt die Stadt San Francisco. Sie lancierte im August 2009 als erste Stadt weltweit eine Open Data Plattform. Auch die Urban Data Challenge hat hier ihren Ursprung. Sophie Lamparter, Head of Public Programs bei swissnex San Francisco und Organisatorin der Urban Data Challenge, ist überzeugt, dass San Francisco von den externen Ressourcen und Kenntnissen profitiert, die in solchen Veranstaltungen mobilisiert werden: „Die Stadt ist froh um Bewohner und Start-Ups, die mit Hilfe von Open Data Probleme lösen und Apps entwickeln, für die der Stadt selbst die Mittel fehlen.“

Auch Golliez sieht gerade für Städte und Gemeinden, ein enormes Potenzial von Open Data: „Mit diesen Daten kann etwas Praktisches gemacht werden: Zum Beispiel eine Karte für behindertengerechte WCs oder eine Abfallkalender-App.“ Vor allem in der Verkehrs- und Städteplanung gebe es viele Anwendungsmöglichkeiten. Die Schweiz stehe hier allerdings noch am Anfang. „Im Moment kämpfen wir dafür, dass Mobilitätsdaten überhaupt geöffnet werden“, sagt Golliez. Während Statistiken und Fahrplandaten bereits relativ gut zugänglich sind, werden Nutzungszahlen oder Daten zur Infrastruktur etwa von der SBB bis heute nicht freigegeben.

In der Schweiz ist die Open Data Bewegung seit nunmehr drei Jahren aktiv, unter anderem in Form der nationalen Interessenorganisation Opendata.ch. Im Juni 2012 hat die Stadt Zürich das erste Open Data Portal der Schweiz live geschaltet. Im September 2013 folgte das Pilotportal der Bundesverwaltung und seit November 2013 stellt auch der Kanton Zürich im Rahmen eines Pilotprojektes ausgewählte Behördendaten zur Verfügung. Mitte April 2014 hat der Bundesrat eine Open Government Data-Strategie verabschiedet und damit ein weiteres Zeichen für die Förderung von offenen Behördendaten gesetzt. Auch die Hochschulen haben das Thema längst für sich entdeckt.

Prof. Gerhard Schmitt zeigt unserer Reporterin Sina Blassnig die Möglichkeiten von urbanen Simulationen mit Open Data auf.

Student Reporter / Sandro La Marca

Prof. Gerhard Schmitt vom Chair for Information Architecture zeigt unserer Reporterin Sina Blassnig die Möglichkeiten von urbanen Simulationen mit Open Data auf.

Welche Möglichkeiten sich durch Open Data für die urbane Planung eröffnen, wird am Chair for Information Architecture und im Future Cities Lab der ETH Zürich erforscht. Mithilfe von Daten zum öffentlichen Verkehr erstellten die Forscher zum Beispiel eine Simulation von Fussgängerströmen in einem Quartier von Jakarta. Dadurch können ideale Standorte für Geschäfte, Restaurants, oder neue ÖV-Haltestellen ermittelt werden. „Das führt zu einer viel natürlicheren Art der Planung“, sagt Gerhard Schmitt, Professor und Leiter des Chair of Information Architecture.

In einem anderen Projekt werden Mobilitätsströme des gesamten Verkehrs- und Transportsystems von Singapur simuliert. „Solche Analysen erlauben es, eine Stadt besser zu verstehen – und damit auch eine neue Art der urbanen Planung“, sagt Schmitt. Eine der größten Herausforderungen sei jedoch, die Erkenntnisse aus solchen digitalen Datenströmen wieder in die Städteplanung einfließen zu lassen: „Es gibt noch keine Instrumente für eine integrierte Städteplanung“, so Schmitt. Doch das sei bloß eine Frage der Zeit.

Simulation der Auswirkungen der urbanen Form auf Fußgängerströme

Future Cities Laboratory

Mithilfe von Open Data simuliert das Future Cities Lab die Auswirkungen der urbanen Infrastruktur auf Fußgängerströme.

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